Wir kennen das. Es gibt Leute, die sind technisch brilliant, haben Erfahrungen mit allen noch so seltenen Komplikationen und bekommen alles wieder hin. Introvertierte Motorradflüsterer, die gedankenverloren um das im Leerlauf bullernde Motorrad gehen und hören, dass eine Nadel in der Kipphebellagerung des linken Auslassventils an seine Verschleißgrenze kommt. Gute Motorradschlosser eben, aber reicht das aus, um ein Schrauberbuch zu schreiben? Nein! Was nützt der beste technische Sachverstand, wenn das Sprachvermögen nicht ausreicht, die Botschaft so umzusetzen, dass auch der einfach strukturierte Anwender sie versteht.
Wir kennen das. Es gibt Pädagogen, die sind sprachlich brilliant. Sie sind in der Lage komplexe Sachverhalte so zu reduzieren und mit ihrer Sprache so abzubilden, dass es eine Freude ist, ihren Worten zu folgen. Nur: meistens sind diese Sprachvirtuosen absolute Techniklegastheniker. Die Leitfäden, die sie schreiben, streifen die Thematik nur ganz an der Oberfläche und helfen dem, der tiefer einsteigen möchte, kein bisschen weiter.

Dann gibt es Carl Hertweck, der Godfather der Motorradschlosserei.

Seine beiden Bücher "Der Kupferwurm" und "Besser machen" richteten sich ursprünglich an die pionierhaften Motorradfahrer der fünfziger und sechziger Jahre, die versucht haben, ihre (einzigen) Fortbewegungsmittel trotz unreifer Technik, hohem Verschleiß, konstruktiver Mängel und geringer Lebenserwartung so lange wie möglich einsatzbereit zu halten. Für den modernen Motorradfahrer sind heute 99% der beschriebenen Probleme gänzlich unbekannt. Wer muss heute noch wissen, wie stramm ein Kolbenbolzen im Kolbenbolzenauge sitzen muss, wer will heute noch wissen, wie man eine Zündung einstellt, wenn die Schwungscheibe keine Markierung hat, und wer will heute noch wissen, wie man aus einer Hupe einen gestorbenen Kondensator ersetzt.

Niemand!
Außer den Fahrern russischer Motorräder.
Außer den Fahrern alter Motorräder.
Außer den Leuten, die ein altes Motorrad restaurieren wollen.
Außer den Wissbegieren, die wissen wollen, was die Welt im Innersten zusammenhält.

An diese Gruppe heimlicher Verschwörer richten sich die beiden Bücher heute, die es glücklicherweise in einem (Sonder-)Band gibt.

Carl Hertweck hat richtig Ahnung und er steigt wirklich, wirklich tief gemeinsam mit dem Leser in die Materie ein. Dabei doziert er nicht, sondern kreist im Dialog mit dem Leser immer enger um die wirklich wichtigen Fragen der Motorradtechnik.
Ich habe mich selbst am Anfang dabei ertappt zu glauben, ich könnte mir gleich die Stelle suchen, die mein Problem beschreibt. Der Leser wird von Hertweck immer wieder dazu aufgefordert, bei den Grundlagen einzusteigen, und diese Ermahnung ist berechtigt! Gerade die Grundlagen wie Strom/Spannung/Widerstand und "Was passiert im Vergaser" sind ein Fest zu lesen. Hertwecks Sprache ist erfrischend, witzig, eloquent und kurzweilig. Ich lese meinen Hertweck wie ein Lesebuch, Kapitel für Kapitel. Wenn ich es im Bett lese, mache ich das Licht erst dann aus, wenn es draußen wieder hell wird. Ich lese es auf Geschäftsreise im Zug oder Flugzeug und werde von meinen Nachbarn schief angesehen. Es macht Spaß, seinen Gedanken zu folgen, über seine Beispiele zu lachen und seine Denkaufgaben im Kopf zu lösen.
Dass sich Hertwecks Bücher auch nach Jahrzehnten immer noch so gut verkaufen, kommt nicht von ungefähr.

Ihr solltet Euch das Buch nicht zu Weihnachten wünschen. Eure Kinder haben ein Recht auf Euch!

Gruß

Dirk

Anmerkung<MM>: Der Mann war wirklich genial. Nicht um den Händler zu empfehlen, sondern um das Buch zu visualisieren, habe ich noch zu Amazon verlinkt:

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DBX: BUCHEMPFEHLUNG